1.-August-Rede Hilterfingen: über Heimat, Wandel und Zusammenhalt

31. Juli 2026

Heimat gibt uns Wurzeln. Traditionen geben uns Halt. Wandel lässt uns wachsen. Und Zusammenhalt macht beides möglich.


Liebe Hilterfingerinnen und Hilterfinger

Geschätzter Herr Gemeindepräsident

Liebe Gäste


Als ich den Ablauf dieser Bundesfeier angeschaut habe, musste ich schmunzeln.

Da steht fast alles drin, was zu einem Schweizer Nationalfeiertag gehört: Blaskapelle, Jodler:innen, Alphorn, Fahnenschwinger … und zum Schluss Wurst und Brot.

Eigentlich fehlen nur noch der Apfelkuchen – aber vielleicht gibt es denn vielleicht später privat.

Und wissen Sie was?

Ich finde das wunderschön.

Nicht, weil wir jedes Jahr genau dasselbe machen müssen.

Sondern weil solche Traditionen etwas mit uns machen.

Sie geben Orientierung.

Sie vermitteln Vertrautheit.

Sie sagen uns: Heute ist Bundesfeier. Heute feiern wir unsere Heimat.

Aber was ist Heimat eigentlich?

Ich komme gerade aus den Kurzurlaub in Italien zurück, wo ich Freunde besuchte.

Aus der Emilia-Romagna.

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich diese Region ganz anders erwartet. Ich dachte an flache Landschaften, an Parma, an Bologna, an gutes Essen sowieso.

Und dann stand ich plötzlich zwischen Hügeln, Hügeln und nochmal Hügeln und dichten Wäldern und einem wunderschönen Fluss durch das ganze Tal und Wanderwegen gestanden. Ich habe übrigens sogar Wildsäue gesehen.

Auf jeden Fall musste ich schmunzeln und dachte: hier kann man ja tatsächlich auch wandern!

Offenbar haben nicht nur andere Vorurteile über die Schweiz – wir Schweizer:inne manchmal auch über Italien.

Und trotzdem geschah auf der Heimreise etwas Spannendes.

Am Bahnhof von Piacenza ist der Zug mit dem SBB Logo eingefahren.

Und plötzlich war da dieses Gefühl:

Jetzt geht’s nach Hause.

Ein einziges Symbol hat genügte.

Und ich fragte mich:

Was ist Heimat eigentlich?

Ist Heimat dort, wo wir wohnen?

Dort, wo wir geboren wurden?

Dort, wo die Menschen leben, die wir lieben?

Oder könnte auch ein Ferienort zur Heimat werden, wenn wir lange genug bleiben?

Und wenn Menschen ihre Heimat verlassen – aus Not oder weil sie ihren Lebensabend an einem wärmeren Ort verbringen möchten – finden sie dann eine neue Heimat? Sind wir Schweizerinnen und Schweizer, die später ans Mittelmeer ziehen, eigentlich auch ein bisschen Wirtschaftsflüchtlinge?

Es gibt auf diese Fragen keine einfachen Antworten.

Ich glaube, Heimat ist weniger ein Ort als ein Gefühl.

Ein Gefühl von Zugehörigkeit.

Vielleicht ist Heimat sogar die schönste Gewohnheit, die wir haben.

Und wie bei vielen Gewohnheiten merken wir oft erst, wie wichtig sie ist, wenn sie plötzlich fehlt.

So ging es mir, als ich als junge Frau beruflich nach Zürich zog und dort Mutter wurde.

Natürlich vermisste ich meine Eltern, neu auch als Grosseltern.

Aber wissen Sie, was mir fast genauso fehlte?

Der Blick vom Thunersee aus auf Eiger, Mönch und Jungfrau.

Ja, das klingt ein wenig kitschig. Doch entwchuldigung, der Uetliberg ist nun mal kein Berg!

Und manchmal darf Heimat auch ein bisschen kitschig sein.

Mit Hilterfingen verbindet mich vieles.

Nicht nur die Nachbarschaft zu meiner Geburts- und Wohnstadt.

Vor Kurzem fragte mich ein Freund aus Thun, was er einer Bekannten zeigen solle, die ihn einen Tag besucht.

Da hätte ich natürlich etwas aus Thun empfehlen können.

Die Guntelsey-Wanderung mit der Tropfsteinhöhle zum Beispiel.

Oder die Rabeflueh.

Wobei ich bis heute nicht ganz sicher bin, ob die überhaupt noch zu Thun gehört. Das wusste übrigens nicht einmal mein früherer Gemeinderatskollege, der für den Unterhalt zuständig war.

Sie sehen: Gemeindegrenzen sind manchmal komplizierter als Landesgrenzen.

Aber ich empfahl etwas anderes.

Die Cholereschlucht.

Ein wunderbarer Ort an einem heissen Sommertag.

Danach ab an den See.

Zur Buvette.

Ganz ehrlich: Um diesen Begegnungsort darf man Sie beneiden.

Was hier entstanden ist, ist Lebensqualität.

Und wenn man danach mit dem Bike-Sharing nach Thun zurückfährt, merkt man schnell:

Den Velos ist es ziemlich egal, wo Hilterfingen aufhört und Thun beginnt.

Vielleicht sollten wir Menschen uns manchmal ebenfalls etwas weniger von Grenzen und etwas mehr von Möglichkeiten leiten lassen.

Denn Zusammenarbeit macht uns stärker.

Das gilt zwischen Gemeinden.

Das gilt in der Politik.

Und das gilt auch im täglichen Zusammenleben.

Traditionen spielen dabei eine wichtige Rolle.

Nicht nur am 1. August.

Sondern das ganze Jahr.

Die Psychologie erklärt übrigens sehr schön, weshalb wir Traditionen so mögen.

Unser Gehirn liebt Gewohnheiten.

Sie geben Sicherheit.

Sie sparen Energie.

Sie helfen uns, uns in einer immer komplexeren Welt zurechtzufinden.

Das erklärt übrigens auch, weshalb wir jedes Jahr am 1. Januar überzeugt sind, dass wir künftig dreimal pro Woche joggen gehen …

… und Mitte Februar bereits stolz sind, wenn wir wenigstens den Kühlschrank sportlich erreichen.

So sind wir Menschen eben.

Wir halten gerne an Vertrautem fest.

Aber wir wissen auch:

Nicht jede Gewohnheit ist eine gute Gewohnheit.

Manche würden wir gerne ändern.

Und genau gleich ist es mit Traditionen.

Traditionen geben Halt.

Aber sie bedeuten nicht Stillstand.

Der Wandel ist die einzige Konstante.

Unsere Schweiz war nie erfolgreich, weil sie sich gegen jede Veränderung gewehrt hat.

Sondern weil sie Bewährtes bewahrt und gleichzeitig Neues zugelassen hat.

Vielleicht ist genau dieses Sowohl-als-auch eine unserer grössten Stärken.

Ich wünsche mir, dass wir diesen Gedanken auch in unserer Gesellschaft wieder stärker leben.

Dass wir einander zuerst zuhören.

Bevor wir urteilen.

Dass wir neugierig bleiben auf andere Sichtweisen.

Denn meistens hat der andere nicht einfach Unrecht.

Sondern eine andere Geschichte.

Andere Erfahrungen.

Eine andere Perspektive.

Unsere grossen Herausforderungen lösen wir ohnehin nicht allein.

Nicht als Einzelpersonen.

Nicht als Gemeinde.

Nicht als Kanton.

Nicht einmal als Nationalrätinnen und Nationalräte.

Sondern miteinander.

Die Schweiz lebt nicht davon, dass wir immer derselben Meinung sind.

Sie lebt davon, dass wir trotz unterschiedlicher Meinungen gemeinsam nach Lösungen suchen.

Vielleicht ist genau das die schönste Tradition unseres Landes.

Nicht Einstimmigkeit.

Sondern Zusammenhalt.

Und zum Schluss wünsche ich uns noch etwas.

Mehr Dankbarkeit.

Denn wir leben in einer wunderschönen Region.

Mit Bergen.

Mit Seen.

Mit Orten wie der Cholereschlucht.

Mit Menschen, die sich engagieren.

Mit Vereinen.

Mit Freiwilligen.

Mit Nachbarinnen und Nachbarn.

All das erscheint uns manchmal selbstverständlich.

Ist es aber nicht.

Tragen wir Sorg zu all dem, vorallem zur Natur, unserer Lebensgrundlage und seien wir dankbar, dürfen wir Teil davon sein und sind hier geboren.

Dankbarkeit verändert den Blick.

Sie erinnert uns daran, wie gut es uns miteinander gehen kann.

Und vielleicht ist genau das Heimat.

Nicht einfach ein Ort auf der Landkarte.

Sondern Menschen, die füreinander da sind.

Menschen, die zuhören.

Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Menschen, die das Wir etwas grösser machen als das Ich.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen wunderbaren Bundesfeiertag.

Pflegen Sie heute die Traditionen.

Geniessen Sie die Musik.

Die Begegnungen.

Und natürlich auch die Wurst mit Brot.

Denn manche Gewohnheiten sind einfach zu schön, um sie aufzugeben.

Herzlichen Dank.